Annäherung

„Alles seit je. Nie etwas andres. Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“
Samuel Beckett
Die Künstlerin Eva Degenhardt beginnt nie mit der weißen Leinwand. Der Impuls, zu gestalten, geht nicht von ihr selbst aus. Sie lässt sich berühren von der Welt, den Menschen, den Dingen. Degenhardts Dünnhäutigkeit war früher vielleicht ein Problem, heute ist sie künstlerisches Programm und Herausforderung zugleich.

Viele „Berührungen“ sind zufällig und überraschend. Die Künstlerin ist immer bereit, den eingeschlagenen Weg zu verlassen und sich auf Neues einzulassen. Jede „Berührung“ ist auf irgendeine Weise mit Stofflichem verbunden. Degenhardt ist eine exessive Sammlerin von Stoffen und Stofflichem. Selbst Papiere haben für die Künstlerin stofflichen Charakter. Vielleicht wurde der Impuls für diese Leidenschaft bereits in der Kindheit gegeben. Der Vater handelte mit Möbel- und Dekorationsstoffen und das Haus war vom Keller bis zum Dach angefüllt mit Stoffmustern jeglicher Art. Es waren nicht die Endprodukte, welche die Phantasie des Kindes anregten, sondern die zur Verfügung stehenden kleinen und kleinsten Stoffproben, aus denen man eine eigene Welt gestalten konnte. Regeln und Begrenzungen gab es nicht, alles war erlaubt: kleben, nähen, tackern. Noch heute bewahrt sich die Künstlerin möglichst lang die Phase des kreativen Experimentierens, bevor sie ihr Werk den Regeln der Gestaltung unterwirft.

Nach einem Studium auf der Werkkunstschule in Düsseldorf bei Gottfried Wiegand und Holger Runge entstehen in den 70er Jahren erste Arbeiten mit Abdrucken aus Ton. Flüchtiges, kleine Zeichnungen und Ritzungen werden in dicke Platten aus gefärbten Tonen festgehalten und auf Papier abgedruckt. Bald schon wird diese Technik mit anderen Materialien und Farben kombiniert. Degenhardt schichtet aus Papieren und Stoffen einen festen Grund, auf den sie die Tondrucke aufbringt. Die schweren Bildtafeln „erzählen“ ihre Geschichten weniger über ihre Motive, als über ihre Stofflichkeit. Diese „Bodenhaftung“ ihrer Werke ist der Künstlerin bis heute wichtig, ihr vertraut sie nach wie vor ihre Themen und Ideen an.

In ihren Gedanken und Visionen löst sich die Künstlerin jedoch oft von dem sie tragenden Grund. Degenhardts künstlerische Gestaltung wird immer wieder durch die Beschäftigung mit Philosophie und Poesie inspiriert. Worte vermischen sich mit Bildern und Bilder mit Worten. Auch wenn die Künstlerin bis heute immer neue Grenzen überschritten hat, Themen und Techniken kombiniert und mischt, so ist doch jedes ihrer Werke wie an einen unsichtbaren roten Faden gebunden, der das gesamte Schaffen der Künstlerin durchzieht: Es ist die Liebe zum Stofflichen und die Begeisterung für die Schönheit der Materialität.